Keine Zensur mehr?

Es tut sich was im Reich der Mitte – Porno in China jetzt erlaubt?

August 1st, 2010
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Die Chinesen haben die Sperre von Pornowebseiten aufgehoben.

Die Chinesen haben die Sperre von Pornowebseiten aufgehoben.

Manchmal passieren seltsame Dinge. So seltsam, dass man sie zuerst gar nicht glauben kann. Dann fragt man sich, warum sie passiert sind. Man findet jedoch keine Antwort. Ungläubig staunend steht man schließlich vor den Ereignissen und versucht sie als Realität anzuerkennen. So ähnlich muss es vielen Millionen Chinesen in den letzten Monaten gegangen sein, denn: In China sind plötzlich Websites mit Pornographie abrufbar. Was hierzulande höchstens ein desinteressiertes Achselzucken hervorruft, ist im Land der Internetzensur eine mittelgroße Sensation. Eben eines jener seltsamen Dinge, die plötzlich passieren, ohne dass man sie sich erklären kann.

Erklären nämlich, warum auf einmal Pornos über das Internet in China aufgerufen werden können, das kann niemand so recht. Manche Experten mutmaßen schon, es sei eine neue Taktik der Regierung, um die knapp 420 Millionen Internetnutzer von den (zumindest aus Sicht der Regierung) noch viel ungeliebteren Websites abzulenken, die sich mit Politik, Menschenrechten und deren Verletzung im Reich der Mitte beschäftigen. Sozusagen Brot und Spiele für die Massen, um kritische Fragen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Andere meinen, dass die zunehmende Liberalisierung der chinesischen Gesellschaft verantwortlich dafür sei. Unlängst hat nämlich eine Studie festgestellt, dass von 900 chinesischen Studentinnen an 17 verschiedenen Universitäten 70 Prozent One-Night-Stands nicht für unmoralisch halten. Was in unseren Ohren wiederum unspektakulär klingt, muss der sehr auf Moral bedachten Führung in China fast die Trommelfelle zerfetzt haben. Womöglich ist das Deblockieren mancher pornographischer Websites nun der Versuch, diesem sich wandelnden Wertegefüge entgegen zu kommen, um die eigene Autorität nicht in Frage stellen zu lassen. Eine dritte mögliche Erklärung könnte die Überlastung der chinesischen Zensurbehörden sein. Dank sozialer Netzwerke und Microblogging-Dienste wie Twitter ist heute viel mehr Content im Netz im Umlauf als früher – Content, der kontrolliert werden muss, auch manuell. Und da der chinesischen Regierung kritische Fragen zu Demokratie und Menschenrechten wesentlich mehr Unbehagen bereiten als Pornographie, habe man sich vor die Wahl gestellt nun für das kleinere Übel entschieden, konkret die Kapazitäten im Berereich Porno freizugeben – zumindest teilweise.

Es sind nämlich längst nicht alle Pornoangebote im Internet abrufbar. Niemand weiß allerdings genau, wie viele es sind. YouPorn beispielsweise ist inzwischen frei zugänglich. Bezüglich bekannter chinesischer Websites hingegen gehen die Meldungen auseinander. Manche behaupten, diese Websites seien (zum Teil) ebenfalls abrufbar, andere verkünden das Gegenteil. Es herrscht also ein heilloses Durcheinander, was nun und was nicht aufgerufen werden kann. Die zuständigen Behörden in China haben sich indes bislang nicht öffentlich dazu geäußert. Was die Gerüchte und Debatten weiter anheizt.

Xiao Qiang, ein Experte für die chinesische Internetzensur an der University of California-Berkeley, meint, dass die eigentliche Zensur der Regierung nie wirklich auf Pornographie ausgerichtet gewesen sei. Pornos habe man nur halbherzig blockiert. Eigentlich im Fokus stünden nach wie vor politische Informationen oder negative Berichte über die Führung oder einzelne Regierungsmitglieder, eben alles, was Unruhen oder Proteste in der Bevölkerung auslösen könnte.

Ist das nun also der Anfang vom Ende der Pornozensur in China? Niemand weiß das. Vermutlich noch nicht mal die Verantwortlichen in den zuständigen Behörden. Man kann nur abwarten und sehen, was passiert, wie sich alles entwickelt. So ist das immer mit seltsamen Dingen, die plötzlich passieren. Manchmal kommen sie plötzlich und verschwinden ebenso plötzlich wieder. Manchmal bleiben sie und werden Teil einer veränderten Realität.

[ak]

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08.02.2012
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