Erster Tube-Prozess überhaupt

Bleibt nur noch die Frage, warum ausgerechnet eine Porno-Produktionsfirma den ersten Prozess dieser Art führt.
Wir alle kennen sie. Als reine Konsumenten lieben wir sie. Doch als Webmaster, Produzenten und Betreiber von kostenpflichtigen Sexangeboten im Internet stoßen sie uns sauer auf. Die Rede ist von Tubes – von jenen Streamingportalen, die vollständige, bis zu 60 Minuten lange Sexvideos kostenlos im Internet für jedermann zugänglich machen. Es wurde und wird viel über sie geredet und inzwischen sogar in den so genannten seriösen Medien ausführlich darüber berichtet.
In Kürze wird voraussichtlich sogar noch viel mehr in den seriösen Medien über Tubes berichtet werden. Der Grund: Zum allerersten Mal überhaupt zieht eine Porno-Produktionsfirma gegen den Betreiber von Tubes vor ein Gericht. Konkret geht es in diesem Fall um Pink Visual versus Brazzers. Pink Visual produziert Pornos und vertreibt sie. Brazzers produziert zwar auch Pornos und vertreibt sie (kostenpflichtig). Brazzers unterhält aber zudem einige Tubes. Auf diesen Tubes will Pink Visual etliche eigene Pornos gefunden haben, die dort nach Ansicht des Unternehmens illegal angeboten würden. Genau das will Pink Visual sich nicht länger gefallen lassen und zerrt Brazzers deshalb vor Gericht.
Jetzt kommen wir zurück auf die seriösen Medien. Die Frage nämlich, was für seriöse Medien so interessant daran ist, wenn sich zwei Porno-Unternehmen beharken, ist durchaus berechtigt. Die Antwort ist ganz einfach: Dieser Prozess ist nicht nur der erste einer Porno-Produktionsfirma gegen einen Tube-Betreiber – es ist der erste Prozess überhaupt, der aus dem audioVISUELLEN Bereich kommt. Bislang wurden Prozesse gegen Tauschbörsen & Co. nur von der Musikindustrie bestritten. Film-, TV- und Porno-Produzenten haben sich noch nicht wegen der ihrer Meinung nach illegalen Verbreitung von Inhalten gegen den Betreiber eines Streamingportals vor Gericht gewagt – bis jetzt.
Und genau das macht den Fall für alle Produzenten von audiovisuellem Material so interessant. Dieser Prozess wird – egal wie er ausgeht – als Musterprozess in die jüngere Geschichte des Internetrechts eingehen. Der Grund, warum es so lange gedauert hat, bis nun auch die audiovisuellen Produzenten den Schritt vor ein Gericht gewagt haben, ist technischer Natur. Seit die Musikindustrie herkömmlichen Tauschbörsen mit ihren Prozessen nahezu den Garaus gemacht haben, werden Filme und Serien meistens nicht mehr von User zu User getauscht, sondern sehr oft gestreamt. Während man einem technisch weniger versierten Richter das Prinzip von Tauschen noch relativ einfach erklären konnte, steht man bei der Erklärung von Streaming vor einem weitaus größeren Problem. Aufgrund seiner technischen Natur bietet Streaming aus rechtlicher Sicht viele Fallstricke und Deutungsmöglichkeiten. Sowohl in den USA als auch in Deutschland ist unter Urheberrechtsexperten umstritten, ob die im Cache zwischengespeicherten Daten als Kopie im Sinne des Urheberrechtsgesetzes anzusehen sind. Es gibt Argumente dafür wie dagegen.
Das macht den Ausgang dieses Verfahrens so ungewiss. Pink Visual kann nämlich keineswegs sicher sein, als Sieger aus diesem Prozess zu gehen, nur weil das Unternehmen nachweisen konnte, dass sich auf den Tubes von Brazzers illegalerweise Inhalte von Pink Visual finden lassen. Es könnte genauso gut sein, dass das Gericht feststellt, das Streaming selbst sowie der Betrieb einer Streamingplattform allein verstoße nicht gegen das Urheberrecht, auch wenn die Inhalte darauf aus illegalen Quellen stammen. Sollte dies der Fall sein, hätten alle TV-, Film- und Porno-Produzenten schlechte Karten, um gegen die illegale Verbreitung urheberrechtlich geschützter Werke im Internet vorzugehen – denn die Konsumenten der Streams sind genauso schwer zu fassen wie diejenigen, welche die Inhalte ins Netz stellen. Das Schicksal der audiovisuellen Branche – ob nun schmuddelig oder nicht – hängt zu einem guten Teil vom Ausgang dieses Prozesses ab. Deshalb richten sich so viele Augen darauf – unter anderem die der seriösen Medien.
Bleibt nur noch die Frage, warum ausgerechnet eine Porno-Produktionsfirma den ersten Prozess dieser Art führt. Auch diese Antwort ist relativ einfach: Auch wenn die Film- und TV-Branche unter den Tubes leidet, sie leidet derzeit noch erheblich weniger als die Porno-Branche. Dort schmelzen derzeit in den USA die Umsätze wie Schnee in der Sonne. Man kann diesen Prozess also durchaus als das Umsichschlagen eines Ertrinkenden verstehen.
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